Fachhochschule Wiener Neustadt

Projektdaten

Jahr

Status

Auszeichnung

2.2. Platz

Typologie

Größe


47.8144, 16.2474

Fachhochschule Wiener Neustadt
Sanierung, Umnutzung und Erweiterung des Karmeliterklosters Wiener Neustadt

2. Preis, Architekturwettbewerb, 2015

Entwurfsidee

Der architektonische Lösungsvorschlag ist zu einem großen Teil von der geschichtlichen und räumlichen Auseinandersetzung mit der bestehenden Klosteranlage geprägt. Nur so konnte gewährleistet werden, dass die vollständige bauliche Struktur so sinnvoll als möglich in die Gesamtlösung für einen modernen FH-Campus integriert werden konnte. Die zusätzlich zu schaffenden Räumlichkeiten bestehen nicht „unabhängig“ oder „neben“ dem ehemaligen Kloster, sondern funktionieren nur im Zusammenspiel

Auf die komplexe Ausgangssituation mit den historisch bedingten Überschneidungen unterschiedlicher Gebäudeteile und die verstreuten Möglichkeiten für eine Erweiterbarkeit wurde mit einer Überlagerung von alt und neu und einer gezielten Adaptierung des Karmeliterklosters an wenigen, aber effektiven, Bereichen reagiert. Der Lageplan und die Figur-Grund-Darstellung illustrieren das Konzept der gezielten Eingriffe und der Überlagerung, welches sich in der Anlage selbst in einer Abfolge von unterschiedlichen Raumsequenzen zeigt.

 

Architektonisches Konzept

In Anbetracht der Zugangssituation von Westen als einzig sinnvolle funktionale Lösung, wird die bestehende Gangzone im südlichen Anschluss zum Kirchenschiff als wesentliche Erschließungsachse im Erdgeschoss und im 1.Obergeschoss definiert. Sie verbindet alle wesentlichen Bereiche des FH-Campus.

Als wesentliches neues Element im Stadtbild von Wiener Neustadt wird die Eingangssituation durch einen auskragenden Bauteil definiert, welcher bis die Schlögelgasse heranreicht und sich somit in die Systematik der Straßenfronten der angrenzenden Bebauung einfügt. Durch die Einbringung des Baukörpers wird der Platz vor der Kirche gefasst und der Zugang zur bestehenden Erschließungsachse markiert.

Innerhalb der Klosteranlage stellt die wichtigste Veränderung die Wiederherstellung des ehemaligen Kreuzgangs dar. In enger Koordination mit dem Bundesdenkmalamt soll dazu der Westtrakt unter Beibehaltung der Fassade und des möglicherweise barocken Dachstuhls, in seine ursprünglichen Erscheinung ohne die nachträglich eingefügte Zwischendecke zurückgeführt werden (s. Abb. 1 Bauhistorische Untersuchung Stellungsnahme Westtrakt: „Durchschnid“ und „Prospectus des emalligen Kameliter Kloster ün W: Neistadt“ Ende 18. Jh.). Durch einen punktuellen Durchbruch nach Norden zur Haupterschließungsachse wird somit eine Ringerschließung auf dem Erdgeschoss-Niveau erzeugt. Zum Hof hin wird der Westtrakt durch eine angefügte Spange in seiner Erschließungsfunktion durch Arbeitsplätze der Administration ergänzt (Zweigeschossige Erschließung im Sinne einer eingebauten Brücke).

Abgeschlossen wird die Hauptbewegungsachse durch einen neuen Baukörper an der Ostseite im Garten, welcher nach den Strategien der "Erweiterung"/ dem "Anfügen" (beim Westtrakt) bzw. der linearen Fortsetzung (neuer Eingangstrakt entlang der Erschließungsachse) eine punktuelle Setzung eines neuen architektonischen Themas repräsentiert. Gleichzeitig stellt die innenräumliche Konzeption dieses Baukörpers eine bewusste Bezugnahme auf das freie Arrangement unterschiedlicher Funktionen und Bereiche innerhalb einer definierten Fläche dar, wie sie ebenfalls in den Plänen historischer europäischer Klosteranlagen zu finden sind (siehe z.B. Idealplan der Klosteranlage St. Gallen). So stellt jede Ebene des insgesamt fünf-geschossigen Baukörpers eine Variation des Themas Offenheit (=Bewegung/ Kommunikation) und Geschlossenheit (=intensiver Unterricht/ Vorlesungen/ isolierte Gruppenarbeit ) dar. Die einzelnen Ebenen verknüpfen sich über mehrgeschossige Lufträume im Bereich der Erschließung und in den Bereichen für offenes Lernen miteinander zu einer vielfältig nutzbaren Lern- und Studierlandschaft.

In Hinblick auf zukünftige Entwicklungen des noch bestehenden Krankenhauses bleibt das ebenfalls vom Auslober vorgeschlagene Grundstück im Norden (inkl. der Rettungszufahrt) unbebaut. Um mit Nachnutzungskonzepten und möglichen neuen Bebauungen auf dem Areal nicht von vorneherein in Konflikt zu geraten, wird für diesen Bereich ausschließlich eine Nutzung mit Parkplätzen bzw. eine das FH-Areal nach Norden abschließende Bepflanzung mit einer Baumreihe vorgeschlagen.

Im Bezug auf strategische Überlegungen für zukünftige Entwicklungen des FH-Campus sei zudem erwähnt, dass die ostseitige Situation im Garten für eine mögliche Erweiterung mit einem ähnlich großen Baukörper Platz bietet (Cluster-System).

 

Funktionales Konzept

Die funktionale Aufteilung innerhalb der gesamten Anlage ist das Ergebnis einer bestmöglichen Ausnutzung der bestehenden Gebäudestrukturen inklusive ihrer räumlichen Charakteristiken und einer Abwägung zugunsten einer optimalen Raumorganisation und einhergehender optimierter Abläufe.
[Darstellung der Funktionsflächen; sprich: die farbigen Icons unter den Grundrissen]
Der zweigeschossig auskragende Gebäudeteil zur Straße bietet Raum für die Verwaltungsfunktionen mit wenig oder gar keinem studentischen Verkehr. Die Lage der Verwaltung ist somit zentral sowie repräsentativ und bietet mit dem darunterliegenden gedeckten Freibereich einen Ort für das Verweilen und für informelle Treffen der Studenten vor dem Campus. Zudem ergibt sich durch die geschickte Platzierung des Stiegenhauses diese Trakts die Möglichkeit einer unabhängigen Erschließung neben der Haupteingangsachse.
Nach dem Betreten des Hauses durch den Eingang gelangt man in einen aufgeweiteten Gangbereich und zu einer kleinen Eingangshalle, welche den nördlichen Teil des ehemaligen Kreuzgangs darstellen und nun direkt mit den administrativen Funktionen für die Studenten der FH bzw. auch der Fern-FH im sogenannten Westtrakt in Verbindung stehen. Der dreigeschossige Osttrakt des ehemaligen Karmeliterklosters stellt mit seinem Raumangebot bzw. -qualität die optimale Lage für die Fachbereiche und Institute dar.

Zwischen dem Ost- und Westtrakt erstreckt sich wie bisher der Innenhof des Klosters, welcher mit neugestalteten Oberflächen, einer Terrasse im Anschluss zur Erschließungsachse und den bestehenden Bäumen die atmosphärischen Rahmenbedingungen für Verweilen, Pause und ruhiges Lernen bietet.
Im Südtrakt des Klosters, welcher als einziger einer eher periphere Lage zur Ost-West-Achse der Erschließung aufweist, finden in logischer Konsequenz die benötigten Räumlichkeiten der Fern-FH ihren Platz. Diese Lage ermöglicht zudem, falls gewünscht, eine optionale Installation eines separaten Zugangs.

Nördlich an die Erschließungsachse dockt direkt die ehemalige Kirche an, welcher gemäß dem Raumprogramm die Bibliothek zugewiesen ist. Das Kirchenschiff, welches sich als Hauptkörper darstellt, wird für diesen Zweck als bestehende/ gegebene Hülle interpretiert und entsprechend wird vorgeschlagen, die im historischen Verlauf eingebrachten Ausbauten konsequent zurückzubauen. Innerhalb des neuen Volumens wird anschließend ein mehrgeschossiges Raummöbel platziert, welches sich durch einen respektvollen Abstand zur äußeren Hülle als Raum im Raum darstellt und so den Kontrast von Raumsequenzen (Verengung und Aufweitung des Kirchenschiffs) bzw. die plastische Oberflächen der Innenseite der Außenwand mit dem neuen Raummöbel gezielt inszeniert. Die Regalstellflächen und Lernbereiche sind im 1.OG direkt mit der Haupterschließungsachse vernetzt. Im freigespielten Erdgeschoss des Kirchenschiffs entsteht Raum für Veranstaltungen und beispielsweise öffentliche Lesungen. Das räumliche Angebot der Bibliothek ist neben der Funktion im FH-Campus aufgrund eines separaten Eingangs (ehemaliger Haupteingang der Kirche) auch für externe Nutzungen zugänglich.

Der neue Baukörper an der Ostseite bietet Platz für das geforderte Angebot an Vorlesungs- und Seminarräumen. Diese gliedern sich, wie bereits beschrieben, auf fünf Geschosse in vielfältige und adaptierbare Zonen für unterschiedliche Anforderungen des FH-Vorlesungs- und Lernbetriebs auf. Die Bereiche für Leseplätze, Lernkojen und Studierplätze des Raumprogramms der Bibliothek finden zum Teil auch hier Platz. Im Untergeschoss befindet sich zudem ein Audimax (inkl. aller benötigter Nebenräume), welches teilbar ist und durch eine Absenkung im Gelände von Süden her einen direkten Ausgang ins Freie hat (Sitzstufen für Veranstaltungen). Zwischen neuem Lehrgebäude und dem Osttrakt des Klosters mit den Fachbereichen und Instituten ergibt sich im zweigeschossigen Zwischenraum die benötigte Fläche für den Snack- und Imbissbereich (Terrasse und Ausgang zum Garten).

Die Materialität der Neubauteile der neuen Fachhochschule stellt sich im Bereich der auskragenden Deckenscheiben als Sichtbeton dar, während in der mehrschichtigen Fassade der einzelnen Geschosse Metall (Sonnenschutzlamellen) und Glas (großzügige raumhohe Öffnungen; dazwischen Paneele) dominiert. Die Vielschichtigkeit und Unregelmäßigkeit des Bestandes wird mit den kühlen Materialien und unterschiedlichen Haptik der Gebäudehülle der Neubauten kontrastiert.